Sonntag, 29. Januar 2017

「かまきり」 Kamakiri / Gottesanbieterin

Kamakiri 「かまきり」

Beim morgendlichen Spaziergang mit meinem Hund spüre ich sanft auf meiner Haut den angenehmen Wind, der durch die Bäume weht. Es ist schon richtig Frühling geworden.
Nicht weit von zu Hause kommen wir an einem Gateball Platz vorbei. An einer Ecke wuchert ein blühender Spierstrauch. Seine langen Zweige sind übersät mit niedlichen kleinen, schneeweißen Blüten. Als ich auf diesen dünnen Zweigen an einigen Stellen die Eier der Gottesanbeterin entdecke, halten meine Augen inne. Die Erinnerung von vor über 20 Jahren war wieder aufgetaucht.

Alle in meiner Familie mögen Tiere sehr gerne. Besonders meine zweite Tochter Satsuki hatte sehr viel Interesse an Insekten und Pflanzen. Als sie in der Grundschule war, kam sie selten direkt von der Schule nach Hause. Stattdessen bummelte sie oft mit dem Ranzen auf dem Rücken, lief Schmetterlingen nach und pflückte Blumen. Es war eine Zeit, in der an so etwas wie Entführungen gar nicht zu denken war. Von Zeit zu Zeit kam es vor, dass sie mit vielen nobiru in den Händen unser Haus betrat und fröhlich sagte: „Hier sind noch ein paar Zutaten, nê!“. Dann hatten wir zum Abendessen zusätzlich noch frischen in Essig eingelegten Lauch.
Eines Tages, Satsuki war gerade in der dritten Klasse der Grundschule, kam sie mit einen verwelkten Zweig in der Hand nach Hause. „Warum hast du denn diesen komischen Zweig mitgebracht?“ fragte ich mit einem kleinen tadelnden Blick.

Schau her! Eine Gottesanbeterin hat hier ihre Eier abgelegt“, sagte sie und hielt mir stolz den Zweig hin.
Aha, so sehen also die Eier einer Gottesanbeterin aus?“, sagte ich, denn ich hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Was hast du damit vor?“ fragte ich, aber sie hatte den Zweig einfach nur so mitgebracht und wollte nichts besonderes damit machen. Es schien ihr völlig zu genügen, dass daran ein Eierbeutel einer Gottesanbeterin hing. Dann stellte sie den Zweig hinter eine Bücherstütze auf ihrem Schreibtisch und war damit zufrieden. An diesem Tag dachte ich überhaupt nicht daran, dass aus den Eiern etwas schlüpfen könnte.

Als der Frühsommer vor der Tür stand, war ich mit dem Saubermachen des Hauses beschäftigt. Als ich vor Satsukis Schreibtisch stand, erstarrte ich plötzlich vor Schreck. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter und für einen Moment war mein Kopf völlig leer. Aus den Eiern waren unzählige Larven geschlüpft, die nun überall auf dem Schreibtisch herumkrochen. Ich bekam eine Gänsehaut und fragte mich voller Panik „Was soll ich bloß tun?“. Mit der Hand versuchte ich, eine nach, der anderen zu entfernen, aber es waren viel zu viele und mein Ekel wurde immer größer. Dass aus dem dürren Eierbeutel eine so große Anzahl Larven schlüpfen würde, traf mich völlig unerwartet. Trotzdem fasste ich wieder Mut, steckte einige Larven in einen Insektenkorb und wusste mir dann nicht anders zu helfen, als ein Insektenspray herauszuholen und die restlichen Larven einzusprühen.

Als meine Kinder von der Schule nach Hause kamen, erzählte ich wie furchtbar viele Larven es gewesen waren. Aber ich glaube nicht, dass sie sich es überhaupt vorstellen konnten.

Etwa zwei Wochen danach hatte ich langsam diese Geschichte vergessen. An irgendeinem Tag fiel zufällig mein Blick nach draußen auf eine Azalee in meinem Garten, wo die warme Frühsommer-Sonne schien. Dort hing irgendetwas Gelbes...Ich stürmte hinaus in den Garten, um es näher zu betrachten. Es war die Geburt von Gottesanbeterinnen. Aus dem knochentrockenen Kokon hing ein Klumpen gelber Larven heraus und langsam veränderte sich die Farbe der dürren Körper in gelbgrün. Mit unsicheren Bewegungen krabbelten sie den Zweig hinauf. Fasziniert starrte ich auf dieses Naturschauspiel und war begeistert vom mystischen Drama der Geburt. Ich setzte mich vor die Azalee, um mitzuerleben, wie alle Larven nach und nach sich in alle Richtungen zerstreuten. Auf einmal bereute ich es , dass ich damals die Larven, die auf Satsukis Schreibtisch herumkrochen, mit Insektenspray getötet hatte und mir traten die Tränen in die Augen.

Es heißt, dass die Eier der Gottesanbeterin eigentlich ganze Eierbeutel sind, aus denen ungefähr zweihundert Larven schlüpfen können. Diese Larven sind kurz nach ihrer Geburt etwa sechs Millimeter lang und hängen an einem langen klebrigen Faden. Während sie langsam zu Boden schweben, häuten sie sich das erste Mal und beginnen auf dem nächsten Zweig ihre ersten Schritte im Leben. Während sie sich dann sechs- bis siebenmal häuten werden sie langsam zu erwachsenen Insekten. Aber das Gesetz der Natur ist grausam und so wird die Hälfte aller geborenen Larven auf dem Weg zum ausgewachsenen Tier von Ameisen oder kleinen Schlangen gefressen. Bei der letzten Häutung, die ungefähr zwanzig Stunden dauert, bekommen sie dann schließlich Flügel. Gottesanbeterinnen ernähren sich hauptsächlich von Blattläusen. Kurz bevor sie ihr kurzes Leben beenden sucht sich das Männchen eine Partnerin, die es begattet. Aber wenn es hierbei versagt, wird es sofort vom Weibchen durch einen Biss getötet. Dies ist sozusagen eine Paarung unter Einsatz des eigenen Lebens. Daraufhin macht sich das Weibchen an die große Arbeit des Eierlegens. An einen Zweig schmiert sie eine zähe, weiße Flüssigkeit und rührt sie sorgfältig zu einem Schaum. Hierauf legt sie dann ihre Eier. Diese Arbeit dauert ungefähr dreißig Stunden. Sobald sie alle Eier wohlbehalten gelegt hat, ist auch das fünfmonatige Leben des Weibchens beendet. 

Das Naturschauspiel dieser Lebensaufgabe drang tief in mein Herz und in mir entstand der Wunsch nach einer Natur, in der diese Insekten für immer einen Platz zum Leben haben.


関川 壽枝 Sekikawa Hisae

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